Ich war auf dem Weg zu einem Frauen Businesstreffen in Leipzig. Da sich die Abfahrt meines Zuges etwas verspätete, saß ich auf einer Bank und wartete auf den Zug. Dabei beobachtete ich folgende Situation:
Ein Verkäufer der Strassenzeitung „Motz“ stellte sich vor einer Bank mit Reisenden auf und begann dafür zu werben, ihm eine Zeitung abzukaufen. Er berichtete von seiner schwierigen Situation, von den immer schlimmer werdenden Zuständen in den Unterkünften für Obdachlose und wie er es eben versucht, mit dem Verkauf dieser Zeitung irgendwie über die Runden zu kommen. Er erzählte auch, dass 2 Odachlose letzte Nacht mit einer Flüssigkeit übergossen und angezündet wurden. Sie kämpfen im Krankenhaus ums Überleben. Dabei fing er an zu weinen. Er weinte um seine „Kollegen“, die keine Chance gehabt haben, diesem Angriff zu entgehen. Er weinte um seine Situation, die ihn in dieses Elend gebracht hatte. Es nahm ihn immer mehr mit. Während er immer verzweifelter wurde, saßen all die Reisenden vor ihm, es waren ca.10 Personen, regungslos da, vertieft in ihre Beschäftigungen und schauten kein einziges Mal hoch. Ein Mann spielte auf seinem Handy, eine Frau fütterte ihr Kind und eine andere las in einer Modezeitschrift. Der obdachlose, verzweifelte Mann vor ihnen fand kein Gehör, er existierte quasi nicht, er wurde nicht einmal wahrgenommen.
„Nicht einmal ansehen könnt ihr mich. Ich bekomme von Euch nicht mal ein Nein. Ihr schaut mich nicht einmal an!“ warf er ihnen zu und ging weinend und verzweifelt davon. Niemand hob den Blick.

Ich werde seinen Blick nicht los, ich werde seine Verzweiflung nicht los.

Warum ist es so schwer, hinzusehen und Mitgefühl zu haben?
Was ist mit uns passiert, dass wir uns so verhärten müssen?
Warum ignorieren wir die, die im Elend sind? Warum wenden wir unseren Blick ab?
Was ist so schwer daran, Respekt und Achtung zu zollen und das Leid anderer einfach wahrzunehmen?
Warum verschließen wir uns vor der Not anderer? Was ist so schlimm daran, der Realität ins Auge zu sehen?
Warum begegnen wir einem weinenden und verzweifelten Menschen so ignorant und kaltherzig?

In einem Monat soll ich auf einem Kongress zum Thema Werte einen Vortrag halten. Es geht um unserer Zukunft und die Frage, in welcher Welt wollen wir leben und wie können wir die Welt gestalten, die wir uns für unsere Kinder wünschen. Es geht um Mut und Innovation. Wie wollen wir diese Fragen beantworten, wenn wir nicht anfangen, hinzuschauen? Wie wollen wir ohne Mitgefühl und Empathie zu allen Menschen überhaupt eine Idee von einer Zukunft entwickeln?
Und ich frage mich auch, wie ich diesen Vortrag gestalten will, wo mir der Blick des Obdachlosen nicht aus dem Sinn geht und mich mit tiefer Traurigkeit erfüllt.

Ich merke, wie ich diese Traurigkeit wegdränge. Du musst positiv denken! Traurige Gedanken sind nicht attraktiv, helfen nicht weiter und bringen keinen Erfolg.
Aber sie holt mich immer wieder ein. Die Traurigkeit um mein Land und meine Kultur.
Ich kann sie nicht mehr verdrängen. Deswegen teile ich sie hier mit Dir. Denn, wenn ich ehrlich antworten soll, was ich gerade empfinde und wie es mir geht, dann kann ich nur sagen: ich weine.
Während ich mir das gestatte, erinnere ich mich an frühere Tränen: an Menschen, die ich geliebt habe und die von mir gegangen sind; an Niederlagen und Streitigkeiten, an Bilder von Krieg und Katastrophen.

Da ist es wieder, das Bewusstsein.
Ich weiß, dass ich weine, weil ich liebe und dass ich ohne Liebe nicht weinen würde.
Der Schmerz kommt durch die Liebe.
Das gibt mir die Kraft, hinzuschauen, auch wenn es wehtut.

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